Schlagwort-Archive: Schmerzempfindlichkeit

Ursachen für chronischen Schmerz

Oft beginnt der Weg in eine „Schmerzkarriere“ mit Vernachlässigung. Jede Form von Schmerz sollte sehr ernst genommen und entsprechend behandelt werden. Akuter Schmerz dauert nur kurze Zeit an und soll den Körper vor Verletzungen und Gefahren warnen. Schmerzrezeptoren, verteilt über den ganzen Körper, reagieren auf bedrohliche Reize und leiten sie über Nervenbahnen zunächst an das Rückenmark. Von dort aus gelangen sie ins Gehirn. Im Gehirn wird das Signal in Zusammenhang mit anderen Sinneseindrücken sozusagen bewertet. Schmerzverarbeitung und Schmerzwahrnehmung finden in mehreren, unterschiedlichen Gehirnbereichen statt.

Damit wir nicht ständig Schmerzen verspüren, besitzt der Körper auch ein Schmerzunterdrückungssystem. Körpereigene morphinähnliche Stoffe – sogenannte Endorphine – dämpfen normalerweise akute Schmerzreize sehr schnell. Wenn ein Schmerzreiz allerdings sehr stark ist und zum Beispiel nach Unfällen oder Verletzungen länger andauert, kann unser Endorphinsystem auch überlastet werden und versagen. Die Ausschüttung schmerzlindernder Substanzen reicht dann nicht mehr aus, um das Dauerfeuer an den Nervenzellen im Rückenmark zu unterbinden.
Starke, ständig wiederkehrende Schmerzreize können Nervenzellen verändern und damit kann das fein aufeinander abgestimmte Regelsystem aus erregenden und dämpfenden Impulsen aus den Fugen geraten. Danach führen dann selbst schwache Reize oder Berührungen zu starken Schmerzen, eine sogenannte Gedächtnisspur oder auch ein Schmerzgedächtnis bildet sich aus. Das Gehirn kann infolgedessen sogar selbst Schmerzsignale produzieren. Chronische Schmerzpatienten können Schmerzen verspüren, ohne dass es einen konkreten, offensichtlichen Anlass dafür gibt.

Das beste Beispiel für ein Schmerzgedächtnis sind die sogenannten Phantomschmerzen. Noch Jahre nach Amputationen verspüren Patienten immer wieder Schmerzen in einem Körperglied, das gar nicht mehr vorhanden ist. Hier gehen die Schmerzen vom Nervensystem selbst aus. Ein Grund für Phantomschmerzen, so vermuten Mediziner, ist die Stärke der Schmerzen vor der Amputation. Je schlimmer dieser Schmerz war, desto stärker sind auch die Phantomschmerzen, sozusagen als Erinnerung an diesen Schmerz.
Auch eine schlechte Schmerzversorgung während und nach Operationen, bei länger anhaltenden Rückenerkrankungen oder bei Tumorbildungen kann durch Dauerbelastung der Nervenzellen zu chronischen Schmerzen führen. Im Falle der Phantomschmerzen von Amputierten konnten Wissenschaftler nachweisen, dass es im Gehirn tatsächlich zu Veränderungen kommen kann. Das hat zum Umdenken in der Schmerzversorgung geführt. Die Empfehlung lautet heute: Bei starken Schmerzerlebnissen oder nach Operationen sollte die Schmerzempfindung mit entsprechenden Medikamenten schnell und vollständig unterdrückt werden.

Quelle: Planet Wissen

Fachbegriffe verständlich erklärt

Akuter Schmerz: plötzlicher und nur kurzzeitig anhaltender Schmerzen.

Allodynie: Schmerz durch leichte Berührung, die normalerweise nicht als schmerzhaft empfunden wird.

Analgesie: Schmerzunempfindlichkeit, Ausschaltung der Schmerzempfindung auf einen normalerweise schmerzhaften Reiz.

Anästhesie: Zustand absoluter Unempfindlichkeit entweder durch neurologische Erkrankungen oder im Rahmen einer Narkose; medikamentöse Betäubung.

Aura: bei Migräne: individuelle sehr unterschiedlich wahrgenommene Störungen vor allem des Sehvermögens mit Verlust des räumlichen Sehens und Unschärfe oder als Sensibilitätsstörungen mit Kribbelempfindungen oder Verlust der Berührungsempfindung, seltener als Störungen des Geruchsempfindens, Gleichgewichtssinns, Sprachstörungen oder andere neurologische Ausfälle.

Chronischer Schmerz: Schmerz, der dauerhaft für mindestens 6 Monate besteht.

Dysästhesie: als unangenehme oder abnormal wahrgenommene Empfindung, die nicht notwendigerweise mit Schmerzen verbunden ist, häufig als Kribbelmissempfindung (wie Ameisenlaufen über der Haut) wahrgenommen.

Evozierter Schmerz: durch äußere Reize ausgelöster Schmerz im Gegensatz zum Spontanschmerz (Ruheschmerz) ohne Auslöser.

Hyperalgesie: gesteigerte Schmerzempfindlichkeit auf einen schmerzhaften Reiz, normalerweise bei gleichzeitig verminderter Schmerzschwelle.

Hyperästhesie: Überempfindlichkeit auf Berührungsreize, also normalerweise nicht schmerzhafte Reize wie Temperatur oder leichte Berührung.

Hyperpathie: verstärkte Schmerzempfindlichkeit auf einen überschwelligen Schmerzreiz bei gleichzeitig erhöhter Schmerzschwelle. Hier müssen stärkere Reize aufgebracht werden, damit ein Reiz als schmerzhaft empfunden wird. Reize oberhalb dieser Schmerzschwelle werden als verstärkt schmerzhaft empfunden.

Hypästhesie: verringerte, aber nicht aufgehobene Empfindlichkeit gegenüber normalerweise als nicht schmerzhaft empfundenen Reizen.

Hypoalgesie: verringerte Schmerzempfindlichkeit (im Gegensatz zur Hyperalgesie).

Kausalgie: Heute nicht mehr gebräuchlicher Begriff für das Sudeck-Syndrom (Morbus Sudeck oder auch komplex regionales Schmerzsyndrom = CRPS).

Neuralgie: Schmerzattacken oder Dauerschmerzen im Versorgungsgebiet eines Nerven oder Nervenastes. Bekanntestes Beispiel ist die Trigeminusneuralgie mit blitzartig einschießenden Schmerzattacken im Gesichtsbereich.

Neuropathie: nicht-entzündliche Schädigung eines Nerven, die schmerzlos sein kann oder mit Schmerzen einhergeht.

Neuropathischer Schmerz: Schmerz als direkte Folge einer Störung oder Erkrankung mit Beteiligung des für die Wahrnehmung sensibler Reize verantwortlichen Nervs/Nervenastes.

Nozizeption: Vorgang der Übersetzung und Weiterverarbeitung eines schmerzhaften Reizes im für die Gefühlswahrnehmung verantwortlichen Teil des Nervensystems.

Nozizeptiver Schmerz: Durch verschiedene Reize ausgelöste Erregung von Nervenendigungen, die auf die Wahrnehmung von Schmerz spezialisiert sind. Diese Nervenendigungen werden dabei aktiviert, aber nicht zerstört.

Periphere Sensibilisierung: gesteigertes Antwortverhalten einer in den Geweben des Körpers durch normale Schmerzreize aktivierten Nervenendigung.

Polyneuropathie: gleichzeitige Schädigung mehrerer Nerven, die schmerzlos oder schmerzhaft sein kann, z.B.  im Rahmen eines Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit). Neben Gefühlsstörungen wie einem Taubheitsgefühl kommen oft Brennschmerzen oder einschießende Schmerzen vor. Das Verteilungsmuster am Körper ist oft strumpfförmig oder handschuhförmig.

Ruheschmerz: überwiegend dauerhaft vorhandene Schmerzen, die durch äußere Reize verstärkt werden können, meist aber ohne diese fortbestehen.

Schmerzgedächtnis: Lernvorgänge im Schmerz-verarbeitenden System von Rückenmark und Gehirn, die zu einer Aufrechterhaltung von Schmerz beitragen können.

Schmerzschwelle: die geringste Reizstärke, die als schmerzhaft empfunden wird.

Zentraler Schmerz: Schmerz nach Schädigung der Schmerzbahn im Rückenmark oder Gehirn.

Zentrale Sensibilisierung: gesteigertes Antwortverhalten von Schmerz-verarbeitenden Nervenzellen in Rückenmark und Gehirn auf den normalen Zustrom von erregenden Impulsen der Schmerzfasern aus verschiedenen Geweben.

Autor: Roman Rolke